Der Grimber testet das „marokkanische Gesundheitssystem“

 

 

Unsere nächste Offroad Tour wollten wir am riesigen Stausee Bin-el-Quidane vorbei zum Felsmassiv „Cathedrale des Roches“ machen. Dieser Weg führte uns durch die wunderschöne Landschaft des Mittleren Atlas und dem Vorgebirge des Hohen Atlas.

 

 

Erster Akt – Das Drama beginnt

 

Langsam kletterte der Grimber die Passhöhe bis auf 1.770 m hoch und wir genossen den schönen Ausblick auf den Stausee. Von dort ging es nur noch etwas bergab bis zu dem Dorf Tilougglte. Dort wollten wir uns einen schönen Übernachtungsplatz mit Blick auf die „Cathedrale des Roches“ suchen. Wir freuten uns schon, nach einem langen Tag, bald das Tagesziel erreicht zu haben.

Kurz vor dem Dorf knallte es plötzlich ziemlich laut - begleitet mit einem sehr lauten metallischen Klopfen, „TAK, TAK, TAK, TAK, TAK, TAK“!

Was war das denn? War ein Reifen geplatzt? War irgend etwas gebrochen? Hatten wir hier tatsächlich unsere erste ernsthafte Panne?

Wir stoppten und liefen ziemlich beunruhigt um den Grimber herum. Nach einer ersten oberflächlichen Kontrolle konnten wir aber nichts ungewöhnliches feststellen. Eine Reifenpanne oder einen offensichtlichen Bruch konnten wir zu mindestens schon einmal ausschließen.

Auch die Hoffnung, dass nach einem kräftigen Tritt gegen das Vorderrad (von Thomas) und ein paar „beruhigenden Worten“ an den Grimber gerichtet (von Claudia) „das Problem lösen würde“, wurde nach einem erneuten Anfahren rasch Ad Acta gelegt. Das „tackende Geräusch“ war so gruselig, dass wir nach einigen Meter erneut stoppen mußten. Dieses Mal in einer kleinen Parkbucht mit direktem Blick auf das Felsmassiv von der „Cathedrale“. Ok, dann verbringen wir eben hier die Nacht. Die Aussicht war hier oben auf jeden Fall toll! 

 

 

Nach dem Abendessen sah Thomas einen Polizeiwagen den Berg herauf zu uns fahren. Claudia hatte die Idee, die Polizei anzuhalten, und zu fragen, wo die nächste Werkstatt in dieser Einöde wäre. Gesagt, getan! Noch ahnten wir nicht, wie fürsorglich und anhänglich die Hilfsbereit-schaft der marokkanischen Polizei sein kann.

Einer von den drei Polizisten sprach ein recht passables Englisch. Sein Name war Mohammed.

Mohammed muss man sich so vorstellen: recht kleine und zierliche Statur, sehr jung, eine deutlich zu große Polizeiuniform und eine quietsche Stimme a la Verona Feldbusch.

Eine gute Werkstatt gab es - laut Mohammed - hier nicht. Dafür müssten wir schon ca. 85 km zur nächsten größeren Stadt Beni Mellal fahren.

Die größte Sorge der Polizisten war allerdings, wo wir denn die Nacht verbringen würden. Sie konnten einfach nicht glauben, dass wir im Grimber schlafen wollten! Die nächste Frage war, ob wir etwas zu Essen oder Trinken benötigten! Unser eigentliches Problem war für sie scheinbar „zweitrangig“!?

So kamen wir irgendwie nicht weiter! Deshalb fragten wir, ob es in Tilougglte ein Cafe mit WiFi gäbe. Der Polizist entschuldigte sich mehrmals, weil - man höre und staune - der Kaffee im Dorf scheinbar nicht der Beste wäre. Uns ging es aber doch gar nicht um den Kaffee, sondern um das Internet (gggrrrr)! Schließlich wollten wir im Internet nach einer Lösung für unser Problem googeln und evtl. den ADAC kontaktieren.

Der Polizist Mohammed bestand sogar darauf, dass wir Telefonnummer austauschen. Es könnte ja sein, dass wir in der Nacht, doch noch etwas benötigen würden. Thomas war schon leicht gereizt. Mohammed war mit seiner Fürsorge total auf Thomas fixiert. Nerv!

Schließlich fuhren die Polizisten endlich weiter Streife und wir konnten in den Grimber zurück mit der Aussicht auf einen ruhigen Abend. Das sollte aber nicht bis zum nächsten Morgen anhalten.... Kurz nach Mitternacht wurde Thomas von einem Blaulicht geweckt. Es war mal wieder Mohammed und seine „Gang“! Sie wollten sich tatsächlich mitten in der Nacht (!) ein weiteres Mal erkundigen, ob es uns immer noch gut ginge und wir nicht doch etwas benötigten würden!? 

Jaaaaaa, natürlich ging es uns gut! Hatten die denn um diese Uhrzeit gar nichts anderes zu tun??? Wir waren schon im Bett und wollten nur schlafen! Gähn.

 

 

Zweiter Akt – Der nächste Morgen in der Werkstatt

 

Ganz früh am nächsten Morgen joggten wir die ca. 4 km hinab in das Dorf Tilougglte, um zu schauen, ob es nicht doch einen brauchbaren Mechaniker gäbe. Schnell war die einzige „Werkstatt“ gefunden.

Na ja, was man so Werkstatt nennt. Es hatte eher die Größe einer deutschen Autogarage mit etwas höherer Decke. Innen ein ziemliches schiefes Regal mit Eisenstangen. Auf dem Boden lagen diverse Werkzeuge herum inkl. eines vorsintflutlichen Schweißgerätes, einer Handflex und einem Ölfass. Das Öl schien aber eher neben, als in das Fass gefüllt worden zu sein.

Aber wo war der Mechaniker? Vor der Türe saß nur ein ca. 15 - 16 jähriger Jugendlicher. Thomas erkundigte sich mit Händen und Füssen, nach dem Chef. Bald bekamen wir heraus, dass der junge Mann zur Werkstatt gehörte. Unserer Vermutung nach mußte das der „Azubi“ sein! Wir versuchten ihm zu erklären, dass unser Truck Probleme hatte und wir mit ihm in Kürze vorbei kommen würden. Nach einem Nicken des "Azubis" - wir interpretierten es als eine Art Zustimmung - joggten wir, ähnlich röchelnd wie der Grimber, die 4 km wieder bergauf zurück zu unserem Fahrzeug.

Bald darauf rollten wir mit dem „herzkranken und röchelnden“ Grimber langsam ins Dorf hinab. Wir hatten das Fahrzeug noch nicht einmal zum kompletten Stopp gebracht, da hörten wir auch schon die „vertraute“ Stimme die rief: „Thomas, Thomas!“.

Ohh, nein, nicht schon wieder! Mohammed, der Polizist, war zufällig auch hier unten bei der Werkstatt! Thomas „freute“ sich ganz besonders darüber ;-).

Mit viel Mühe schaffte es Thomas, Mohammed zu überzeugen, dass wir keinen besonderen Polizeischutz in der Werkstatt benötigen würden! Das war wohl ein überzeugendes Argument! Dafür musste Thomas allerdings das Versprechen abgeben, direkt nach der Reparatur in der auf dem Berg gelegenenden Station der Gendarmerie Royal vorbeizuschauen.

Nach dem wir nun zum eigentlichen Problem übergehen konnten, mußten wir feststellen, dass „unser Azubi“ hier in Wirklichkeit die Position des Chefmechanikers inne hatte! Sein Helfer, der die runterfallenden Schrauben aufsammelte, war wahrscheinlich erst um die 10 Jahre alt! Viel Erfahrung konnten die Beiden, aufgrund Ihrers Alters, also nicht haben.

 

Kuriose Beobachtung am Rande: Auf das Nachbarauto wurde gerade mit weißer Farbe das Wort „TOYOTA“ gepinselt. Uns beherrschte deshalb nur ein Gedanke: Hoffentlich können die Jungs hier nicht nur Autos „verschönern“! Eine andere Wahl hatten wir aber nicht. Hier im Hochgebirge gab es es weit und breit keine andere Ortschaft! Wir hatten nur die Hoffnung, dass die Beiden schon mehr Ahnung von Motoren, Zylinder, etc. haben würden als wir.

                                 Inshallah!

Um bei unserem Truck an den Motor zu kommen, muss die Fahrerkabine gekippt werden. Das bedeutet, dass zu aller erst der Dackgepäckträger, mit all seinem Inhalt, vom Dach abgebaut werden muss. Eine Arbeit, die wir nicht in 5 Minuten mal eben erledigt haben. Da wir das mitten im Dorf am Strassenrand machen mussten, blieb das natürlich nicht lange geheim. Wir waren vermutlich das „Highlight des Tages“. Immer mehr Einwohner - natürlich ausschließlich männlich - versammelten sich um den Grimber und beobachteten uns neugierig.

 

 

Kaum hatte die Fehlersuche, durch den Mechaniker begonnen, da klingelte auch schon dessen Handy. Ggggrrr... Der sollte doch lieber den Grimber „heilen“ und nicht telefonieren! Zu unserer Überraschung bekam Thomas das Handy vor die Nase gehalten! Telefon? Hier für Thomas? Es weiß doch gar niemand, dass wir hier in der Werkstatt sind!?!?

ABER: Es war natürlich Mohammed, der Polizist, der sich kurz mal erkundigen wollte, wie die Reparatur lief und ob wir etwas benötigen würden! Dieser Anruf sollte sich von nun an - für die nächsten drei Stunden - alle 20 min. wiederholen und begann immer mit dem Ausruf: „Thomas, Thomas!“

Thomas verdrehte nur noch genervt die Augen.

Irgendwann waren alle 6 Zylinder vom Grimbers Herz geöffnet und auch wieder verschlossen worden. Selbstverständlich nicht ohne, dass vorher jeder Einheimische lautstark seinen Lösungsvorschlag mitgeteilt hatte. Letztlich ist hier jeder ein bißchen „Automechaniker“ im Nebenjob!

Letztlich durfte Thomas in die gekippte (!) Fahrerkabine einsteigen, um den Motor zu starten.

Juhu, der Motor sprang an und wir hörten kein klapperndes Geräusch mehr! Wir kippten die Fahrerkabine zurück und starteten den Motor erneut.

TAK, TAK, TAK, TAK,.....Verdammt! Zu früh gefreut! Das metallische Klopfen war wieder da!

Nun zwar etwas leiser, aber trotzdem deutlich hörbar. Zu allem Überfluß tropfte nun auch noch Öl aus dem Zylinder.

Es wurde nun nochmals unter dem Grimber nach dem Problem gesucht, aber nichts gefunden. Die Mechaniker waren nun mit ihren Künsten offenbar am Ende. Zerknirscht gaben auch sie uns nun den Tipp, eine größere Werkstatt in der Stadt Beni Mellal aufzusuchen.

Dort sollte es kein Problem sein, unseren Grimber wieder fit zu bekommen!“

 

 

Dritter Akt – Alles wird gut!

 

Thomas war schon voller „Vorfreude“(Ironie), denn versprochen ist schließlich versprochen! Auf dem Rückweg fuhren wir als erstes bei der Polizeistation vorbei. Mohammed erwartete uns schon freudig. Mmmmhhhh ….eigentlich nur Thomas! An Claudia's Namen konnte er sich nicht einmal mehr erinnern!

Zu seinem großem Bedauern, konnten wir seine Einladung zum Tee, Kaffee, Couscous mit Hühnchen, etc. nicht annehmen. Da uns das „Problemchen“ mit unserem Fahrzeug unter den Nägeln brannte, wollten wir nur so schnell wie möglich nach Beni Mellal fahren. Bei Annahme aller Einladungen hätten wir wohl erst Wochen später eine Werkstatt zu Gesicht bekommen… ;-)

 

In Beni Mellal angekommen, suchten wir sofort nach einer Werkstatt. Aber keine der Werkstätten wollte oder konnte unserem Grimber helfen. Es lief überall auf den Ratschlag hinaus nach Marrakesh, Casablanca, o.ä. zu fahren und dort eine geeignetere Werkstatt mit potenziell benötigten Ersatzteilen aufzusuchen. ;-(

So hatten wir nun die Qual der Wahl. Marrakesh hatten wir bereits einige Tagen vorher besucht. Dort standen wir auf einem Campingplatz, dessen Besitzer recht gut deutsch sprach. So entschieden wir uns, dort unser Glück als nächstes zu versuchen.

Am Nachmittag des nächsten Tages erreichten wir den Campingplatz, der etwas ausserhalb von Marrakesh lag. Bei der Anmeldung erkundigten wir uns als erstes nach einer „guten“ Werkstatt. Der junge Mann von der Rezeption telefonierte kurz und teilte uns mit, dass bald ein Mechaniker vorbeischauen würde. Wir waren noch damit beschäftigt uns häuslich einzurichten, da kamen auch schon die Mechaniker angefahren.

Diesmal bestand die Crew aus einem Trio: einem älteren Mann, einem Mann im besten Alter und einem Jugendlichen. Die Drei machten sich unverzüglich an die Arbeit – endlich schien etwas voranzugehen!

Der Grimber war mittlerweile auch schon leicht zickig. Die Verriegelung der Fahrerkabine klemmte und wollte sich nicht mehr kippen lassen. Mit viel Überzeugungsarbeit und noch mehr Kraftaufwand (mit der Brechstange als Hebel) klappte es am Schluss dann doch.

Es stellte sich schnell heraus, dass diese Mechaniker unseren Grimber viel besser „verstanden“. Abermals wurden alle Zylinder geöffnet. Dann fehlte ein notwendiges Spezialwerkzeug, die Marokkaner fuhren zurück zur Werkstatt – und kamen nicht wieder! So stand unser Truck mit offener Fahrerkabine und vor allem offenen Zylindern nun da.

Da wir nun auf einem normalen Campingplatz standen, blieb es nicht aus, dass wir jede Menge französische Rentner als Nachbarn hatten, die hier die Wintermonate mit ihren weißen Plastikwohnmobilen verbringen.

Das sieht dann so aus: sie verharren hier Wochen oder gar Monate an einem Ort und errichten eine Art Wagenburg mit Schrebergartencharakter. Für die waren wir natürlich eine willkommene Abwechslung. Sie postierten ihre Liegestühlen in einer Art Halbkreis mit einer gewissen Distanz um uns herum, von wo sie uns ununterbrochen beobachten konnten. Später begannen sie dann ganz unauffällig um uns herumzuschleichen.

Zum Leidwesen der neugierigen Franzosen, war eine Unterhaltung, mangels gemeinsamer Sprache, nicht möglich. Langeweile ist schon doof! ;-)

Auch dem hauseigenen Pfau vom Campingplatz war der Grimber schnell aufgefallen. Wir sind uns bis heute nicht sicher, ob er unseren Truck als Konkurrenz ansah oder um seine Aufmerksamkeit buhlen wollte. Der Pfau  wich dem Grimber kaum mehr von der Seite, zeigte seine prachtvolle Federn und versuchte lautstark Kontakt aufzunehmen. Zu unserem Leidwesen später leider auch nachts!

Die Zeit verstrich und die Sonne ging schon langsam unter. Wir erinnern uns ….die Mechaniker hatten das Fahrerhaus geöffnet inkl. der Zylinder und waren weggefahren. Was sollten wir machen, wenn sie heute nicht mehr zurück kommen sollten??? Wir können den Motor doch nicht mit offenen Zylindern über Nacht stehen lassen!?!?

Thomas wollte sich gegen 19 Uhr gerade auf den Weg zur Rezeption machen, um mal dezent nachzufragen. Kaum war er bei der Rezeption angelangt, kam das Auto mit den drei Mechanikern auf den Platz fahren. Der Grimber bekam nun die Zylinder gereinigt und auch gleich neu eingestellt. Mittlerweile war es stockdunkel. Dann war es endlich so weit. Thomas konnte mit dem Chef-Mechaniker eine Probefahrt machen. Claudia wartete aufgeregt und ungeduldig am Campingplatz. Nach ca. 30 min kam der Grimber endlich zurück. Thomas zeigte einen Daumen nach oben! Das Geräusch war weg!

Der Motor lief nun auch nicht mehr so hochtourig, russte nicht mehr so stark und auch das Problem mit dem Ölverlust war behoben!

OP geglückt!!! Der Grimber war wieder "gesund" und bereit für neue aufregende Abenteuer.

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